LANDSCHAFTEN DIE KEINE SIND | LANDSCAPES THAT ARE NONE

Prof. Thomas Hartmann über die Malerei von Donata Benker

Wenn ein Maler über einen anderen Maler schreibt, geht er von sich selbst aus. Man kann sehr um Objektivität oder Neutralität bemüht sein, immer wird die andere an der eigenen Haltung gemessen und eigene Maßstäbe werden angelegt. Ich sehe Bilder nie inhaltlich. Interessiert mich ein Werk, dann sehe und spüre ich in den Bildern das, was ich selber suche. Ich habe auch schon erlebt, dass mich in einem Gesamtwerk nur ein einziges Bild anspricht – ein Bild, das mich neugierig macht.

Bei Donata Benker ist das nicht so gewesen, ihre Bilder interessieren mich, machen mich neugierig auf andere Bilder von ihr, auch wenn sich die äußere Form verändern mag. Gerade von einem Studienaufenthalt aus Finnland zurückgekehrt, habe ich es als Bereicherung empfunden, sie in meiner Klasse aufzunehmen – sie im 8. Semester als Studentin an der Akademie Nürnberg und ich im 4. Semester als Professor an derselben.

Ich zögere, die Bilder von Donata Benker Landschaften zu nennen, weil sie mit der herkömmlichen Bildgattung, an die dieser Begriff erinnert, nichts verbindet. Grob gesagt, gibt es gegenwärtig zwei Spielarten von Landschaftskunst. Eine ältere, die ein reales sinnliches Naturerlebnis festhalten will, das dem Mal-Akt vorausgeht oder ihn begleitet. Und eine jüngere, die ein solches sinnliches Naturerlebnis nicht mehr für möglich hält und diesen Verlust thematisiert. Diese Spielarten zielen auf eine authentische Naturerfahrung, die entweder im Bild aufbewahrt und präsent bleibt oder auf die das Bild erinnernd zurückweist. Der Begriff der Natur hat sich total verändert. Der Begriff selbst ist noch da, aber die Wirklichkeit hat das eigene Denken und die überlieferten Vorstellungen überholt.

Über eine solche, für die Landschaftskunst charakteristische Problemstellung eröffnet sich kein einsichtiger Zugang zu Donata Benkers Landschaften. Die Bilder entziehen sich einer solchen Betrachtungsweise, weil sie nicht auf die äußere Wirklichkeit zurückverweisen, sondern auf sich selbst.Sie sagt in einem ihrer Texte: „Die Landschaft liegt also nicht ausschließlich in der Natur der Dinge, sondern vornehmlich im Kopf des Betrachters, sie – die Landschaft – zeichnet sich nicht allein aus durch Natürlichkeit, Ursprünglichkeit oder Unberührtheit – all das ist mittlerweile kaum mehr zu finden.“

Donata Benkers Auffassung von Landschaft ist universell, sie umfasst Anwesenheit und Abwesenheit von Menschen, Tieren, Gegenständen, natürlichen und geschaffenen Orten. Immer wieder tauchen scheinbar benennbare Orte oder Dinge in ihren Bildern auf und bieten dem Betrachter einen auf den ersten Blick assoziativen Einstieg in die Bildwelt. Überprüft man aber beim Betrachten die Bestandteile dieser Bildwelt, so lösen sie sich aus den gewohnten und erwarteten Assoziationsbildern heraus und erschaffen so eine nach neuen Gesetzen funktionierende Landschaft. Dieses genaue Hinsehen, ohne Wertung, nur das Gesehene aufzunehmen, das ist der Konsens ihrer Bilder. Ich weiß nicht, von wem das Zitat stammt. „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern neue Betrachtungsweisen zu gewinnen.“ Auf die Bilder von Donata Benker trifft diese  Aussage zu. In dem Klassenkatalog „Pavillon 15“ schreibt sie über ihre Arbeit: „Landschaft ist viel mehr als reine Örtlichkeit: sie ist Rhythmus, Bewegung, Farbe, Licht. Mit allen Stimmen erzählt sie von Dingen, für die mir die Worte ausgehen. Meine Malerei ist ein Annäherungsversuch an den Raum hinter der Landschaft, der unserem direkten Blick verborgen bleibt.“

Sie vermag das Auge zu täuschen. Es ist die Differenz zwischen dem Motiv und ihrer Abbildung, die die Malerin auslotet. Sie geht souverän mit künstlerischen Mitteln um und treibt den Abstand zwischen Objekt und malerischen Umsetzung manchmal auf die Spitze. Sie ist eine Meisterin der freien Flächen. Die Leerstellen in ihren Bildern sind wie Ausrufungszeichen. Sie ist nicht auf Lieblichkeit bedacht, selbst wenn ihre Farbauswahl das vortäuscht. Die Bilder sind bestimmt durch einen prägnanten Farbauftrag und Farbtransparenz zugleich. Durch diese Qualität der Farberscheinung gelingt es Donata Benker in ihren Bildern die prekäre Spannung zwischen Gegenstandspräsenz und Gegenstandsabstraktion herzustellen und aufrecht zu erhalten. Ihre Malerei ist visionärer als die von vielen anderen. Es sind die Unstimmigkeiten, die die Malerin herausfordern, die sie in ihren Gemälden bewusst stehen lässt. Nie praktiziert Donata Benker die reine Form, immer sucht sie die Brüche, die Unstimmigkeiten, die sie in ihren Bildern zu zeigen versucht. Dieses Aufeinandertreffen macht schließlich die Schönheit ihrer Malerei aus.

Ihr verborgenes Leben geben die Bilder erst Preis, wenn wir davon absehen, sie eindeutig zu interpretieren. Diese neuen Landschaften werden erst sichtbar, wenn man sich von dem Bild löst, so kommen sie uns erst nahe, während wir uns abwenden. Donata Benkers Bilder handeln von dem Spannungsverhältnis wirklicher Verhältnisse und der Abstraktion derselben, vom körperhaften Farbauftrag und Transzendieren der Farbe und sie beziehen daraus ihre Kraft.                                                                         

Prof. Thomas Hartmann